Antwortschreiben vom Bündnis gegen Rassismus

Das Antwortschreiben vom Bündnis gegen Rassismus zu dem Artikel von Eren Güvercin „Raus aus dem Migrantenstadl“  im Deutschlandradio zum Nachlesen: Brief an Güvercin

Lieber Eren Güvercin,

wir vom Bündnis gegen Rassismus haben mit Entsetzen Ihren Artikel und Ihre Trivialisierung von alltäglichen, rassistischen Zuständen in der Bundesrepublik Deutschland gelesen.

In Ihrem Artikel schreiben Sie, dass auch “türkisch-und arabischstämmige” Jugendliche rassistisch handeln. Wir möchten Sie an dieser Stelle darauf aufmerksam machen, dass Sie damit Jugendlichen eine vermeintliche Herkunft zuschreiben, die womöglich gar nicht die ihrige ist, da diese Jugendliche, von denen Sie schreiben, in den meisten Fällen hier geboren und sozialisiert sind. Warum es trotzdem so wichtig ist, unbedingt zu betonen, dass Ihre Großeltern oder Ur-Großeltern aus einem anderen Land eingewandert sind, bleibt offen. Hier stellt sich auch die Frage, woher das Wort “arabischstämmig” kommt. Auf welches Land beziehen Sie sich? Gibt es ein Land namens Arabien, welches uns noch unbekannt ist?

Es mag sein, dass die Jugendlichen, von denen Sie schreiben, Vorurteile gegenüber bestimmten Gruppen habe. Dabei jedoch von Rassismus zu sprechen, ist schlichtweg nicht korrekt. Denn Rassismus ist die Kombination von Macht und Vorurteil, d.h. egal wie sehr “türkisch-und arabischstämmige” Jugendliche über die Gruppe xy schimpfen: Es bleibt bei einem Vorurteil, anders als beim Rassismus von Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft, die in Machtpositionen sind (Lehrer_innen, Beamt_innen etc.). Dieser Rassismus wird täglich reproduziert und hindert bestimmte Menschen an Ressourcen zu kommen oder/und am gesellschaftlichen Leben in allen Bereichen zu partizipieren.Folglich können Sie in diesem Zusammenhang von Vorurteilen, Diskriminierungen oder Aversionen, jedoch nicht von Rassismus sprechen.

Des Weiteren schreiben Sie von „fremdenfeindlichen“ Ressentiments. Damit verdeutlichen Sie, dass es legitim ist, dass Menschen die seit mehreren  Generationen hier leben als “Fremde” bezeichnet werden. An dieser Stelle möchten wir Sie erneut fragen, weshalb Sie diese Menschen als “fremd” bezeichnen oder verstehen? Das Problem ist Rassismus und muss auch genau so benannt werden. Es handelt sich um ein institutionelles und strukturelles Problem, nicht um eine individuelle Abneigung (bzw. “Feindlichkeit”), die einige Menschen in sich tragen.

„Wir  haben uns angewöhnt, von gewaltbereiten Salafisten,  Islamisten, Dschihadisten zu reden. Man fragt sich, warum fromme Muslime diese  Begriffswahl hinnehmen und sich nicht dagegen verwahren sowohl, dass in ihrem Namen Hass gepredigt und Gewalttaten geplant werden, […]

Haben Muslime überhaupt die Möglichkeit, hier zu intervenieren und die Begriffswahl zu ändern? Wie viele Gläubige Muslim_innen sitzen im Bundestag und wie viele von Ihnen sind in den Mainstream-Medien vertreten? Wenn es auch nur ansatzweise um die oben genannten Themen und Begrifflichkeiten geht, dann dürfen nicht die “frommen Muslime” sprechen und den Diskurs bestimmen, sondern selbsterklärte Expert_innen, die den weißen, westlichen hegemonialen Diskurs wiedergeben, um so die bereits vorhandene öffentliche Meinung aus einer vermeintlich legitimen Perspektive zu unterstreichen.

Sie schreiben weiter, dass es an der Zeit sei, dass Migrant_innen ihre Opferrolle ablegen und sich nicht länger als Objekt von Studien und Behörden begreifen sollen.

Wie sollen “Migrant_innen” sich nicht länger als Objekt von Studien und Behörden begreifen, wenn an den entscheidenden Stellen, den Lehrstühlen und Behörden weiße Deutsche sitzen, die mit großer Freude, so scheint es, Studien über die gewaltbereiten “muslimischen” Jugendlichen erstellen? Werden weiße Professoren (es sind zumeist Cis-Männer) diese Stellen mit Schwarzen und PoC (People of Color) besetzen? Ihr Artikel lässt die strukturellen Verhältnisse, in denen Schwarze, PoC, Migrant_innen (u.a. Selbstbezeichnungen), die Benachteiligten sind, komplett außer Acht. Zudem zeichnen Sie ein Bild, in dem antirassistischer Widerstand von Menschen mit Rassismuserfahrungen – den es in der BRD seit Jahrzehnten gibt – nicht vorkommt. Es engagieren sich tagtäglich unzählige Menschen dafür, diese Gesellschaft mitzugestalten, gerade weil sie sich als Bürger_innen dieses Landes sehen. Das Bündnis gegen Rassismus ist nur ein Beispiel dafür. Und um die Gesellschaft aktiv mitzugestalten betrachten wir es als essentiell auf die strukturellen Benachteiligungen und auf die alltäglichen rassistischen Übergriffe aufmerksam zu machen.

Sie betrachten dies womöglich als “Migrantenstadl”, für uns ist dies jedoch Partizipation.

Bündnis gegen Rassismus

Wir behalten uns vor, diese Mail und Ihre Antwort(en) ggf. zu  Dokumentationszwecken zu veröffentlichen.

www.buendnisgegenrassismus.org
bundgrass@yahoo.de

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